98

 

Mänsch!
Meine Omma, die konnt Brote schmiern!
So dünn die Butter aufer Krume!
Sie war ein schlesisches Hausmädchen
Da hat man nicht viel!

Meine Omma, die hatte sieben Kinder
Das achte blieb tot im ersten Mond
Sooft sie schwanger war, ging der Mann ihr fremd
Und im Krieg, da starb ihr der Mann einfach weg
War beim Minensuchtrupp – hat auch Minen gefunden!

Und meine Omma floh aus ihrm schlesischen Heim fünfundvierzig
Mit sieben Kindern aufer Flucht – ins »Heim«
Kaum was zu beißen
Nix im Gepäck!

Mänsch!
Meine Omma!
Und so dünn die Butter aufer Krume!

* * *

Meine Omma hatte in ihren späten Jahren die Angewohnheit, viel fernzusehen und die meiste Zeit dabei zu verschlafen, besonders morgens, wenn das Frühstück getan und zunächst keine weitere Arbeit anstand. Dann konnte es geschehen, daß der Fernseher lautstark lief und, während ich selbst in Essen und Schauen abwechselnd vertieft war, plötzlich ein Röcheln vernehmbar wurde, das aus der Omma im Sessel gegenüber kam und immer etwas unheimliches hatte. Meist aber schlief sie fast lautlos, so daß ich mich von Zeit zu Zeit, wenn ich die Stille nicht mehr ertragen konnte, bangen Blickes versicherte, daß sich ihr Brustkorb immer noch hob und senkte.

Als sie noch nicht schlief, summte sie häufig mit oder nach, was sie im Fernsehen hörte, besonders die Melodien aus den Heimatfilmen der 50er Jahre; und noch früher, als sie lieber Radio oder Langspielplatten, die üblichen Operetten- und Heimatliedermedleys, hörte, da summte und sang sie dazu. Und da sie durchaus nicht nur zu solchen Gelegenheiten summte und sang, nicht lauthals, aber doch klar vernehmlich, sondern bei jeder ihrer vielen kleinen Tagwerke, hatte diese Marotte für mich immer etwas waschweibhaftes und konnte mir ungeheuer auf die Nerven gehen. Später dann, als sie fast nur noch schlief und kaum mehr summte, fehlte mir etwas, es machte sie sterblicher, sie entglitt langsam.

Meine Omma war keine religiöse Frau, was früher, als meine andere Großmutter noch lebte, regelmäßig zu gehässigen Sticheleien von nämlicher Seite führte. Sie ging in die Kirche, wenn Anlaß dazu bestand, an Weihnachten etwa oder bei Beerdigungen. Wallfahrtsstätten, die sie früher zusammen mit meiner anderen Großmutter, als die noch rüstig war, und etlichen älteren Leuten aus unserem Dorf besuchte, waren für sie, wie die heiligen Stätten, die sie aus dem Fernsehen kannte, »schön« oder »groß«, nichts weiter. Sie betete auch nicht. Zu Weihnachten und Ostern schaute sie sich im Fernsehen den Segen des Papstes über die Stadt und den Erdkreis an und bemerkte dazu, wie gebrechlich der Mann doch wirke, dabei sei er doch so viel jünger als sie.

Einmal, es war Ostern, schauten wir zum Frühstück einen dieser Historienschinken über das Leben Jesu. Meine Omma schlief die meiste Zeit, nur manchmal verstummte plötzlich ihr Röcheln, sie richtete sich in ihrem Sessel auf und fragte schlaftrunken: »Na, haben sie ihn schon aufgehängt?«

* * *

Achtundneunzig Jahre alt wärest du heute geworden, und in Ermangelung eines Himmels habe ich dir deinen Lieblingssessel in meiner Erinnerung aufgestellt. Manchmal höre ich dich leise summen, dann weiß ich: Es geht dir gut.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s