Drei Liebste 2008

(Dieser Beitrag erschien zuerst als »13. Türchen« im Online-Adventskalender der Kritischen Ausgabe.)

Ich muss gestehen: Ich schäme mich ein wenig. Denn gefragt nach den bis zu zehn liebsten Büchern 2008 sind mir nur drei eingefallen – oder besser gesagt: nur drei, über die ich wirklich etwas erzählen möchte.

Die anderen sind schnell aufgezählt und es ist (schon jetzt) teilweise so viel über sie geschrieben worden, dass es meiner dezidierten Meinung dazu gar nicht mehr bedarf:

So begann mein literarisches Jahr gleich mit zwei Highlights: Katja Lange-Müllers Roman Böse Schafe (Kiepenheuer & Witsch), über den sie mit uns in Ansätzen bereits für K.A. 1/2006 gesprochen hatte (ein wundervolles Interview, wie ich finde), und Moritz Hegers unverständlicherweise noch weitgehend unbemerktes Romandebüt In den Schnee (Jung und Jung), das zur Leipziger Buchmesse erschienen ist und zu dem die erstgenannte KLM, wie es der Zufall will, ein Klappentextlein beigesteuert hat – zwei goldene Tipps für alle, die im seichten Wasser hochwertiger deutscher Gegenwartsliteratur nach Perlen gründeln (denn viel zu tauchen gibt es da ja leider nicht).

Und gleich noch zwei hinterher, für eher lyrisch Interessierte: Die Anthologie Lyrik von Jetzt zwei (Berlin Verlag), herausgegeben von Jan Wagner und Björn Kuhligk, lohnt es sich ebenso in Augenschein zu nehmen wie das Neubuch. Neue junge Lyrik (yedermann Verlag) von Ron Winkler. Sich dann zurücklehnen, ein paar Jahre verstreichen lassen und schauen, wer von all diesen Vielversprechenden übrig geblieben ist – auch von denen, die jetzt (also heute) zwar schon da sind, aber selbst von den akribischen Herausgebern jener Sammelwerke noch übersehen worden sind, weil sie in den falschen Städten oder gar auf dem Lande wohnen, weil sie nicht den vermeintlichen Ton ihrer Zeit treffen oder weil sie schlicht nicht mit den richtigen Leuten vernetzt sind (schließlich zählt auch im Literaturbetrieb oft nur »Vitamin B«).

Dazu empfehlen wir, wieder aus einer anderen literarischen Ecke, wiederum herausgegeben von Ron Winkler, das poetologische Sonderheft der Zeitschrift intendenzen mit dem schönen Titel Hermetisch offen (Verlagshaus J. Frank, übrigens wie yedermann einer der bemerkenswerteren jungen Independents), das einige sehr interessante (Selbst-) Reflexionen junger deutscher Lyriker enthält. Sehr süffig, nur im Abgang manchmal ein wenig zu süß, wahlweise zu bitter. Aber seien wir ehrlich: Literatur, die durch den Körper geht, ohne darin irgendetwas anzustellen, das uns gefällt oder verdrießt, ist die Anstrengung des Lesens doch gar nicht wert, oder?

Aber wie eingangs schon angedeutet, hängt an all diesen Büchern mein Herz nicht, sondern nur an dreien, und zwar aus einem ganz einfachen Grund: weil ich sie selbst mitverfasst habe. So ehrlich darf ich doch sein, zu sagen, dass mir die eigenen lieber sind als die Kinder fremder Leute? – Wenn ich vorstellen darf:

  1. Conrad Ferdinand Meyers Novelle Das Amulett ist mir irgendwann in der Oberstufe einmal begegnet, ohne dass wir uns sonderlich gut miteinander vertragen hätten. Als Florian Radvan mich im Sommer 2006 fragte, ob ich Lust hätte, mit ihm zusammen einen Kommentar dazu für die Suhrkamp BasisBibliothek zu verfassen, zögerte ich trotzdem nur genauso lange, wie ich brauchte, um den Text noch einmal zu lesen. Auf Anhieb wurde mir klar, warum es zwischen uns damals in der Schule nicht gefunkt hatte: weil er einiges an historischen Kenntnissen (und, zugegeben, auch Interesse) voraussetzt, über die ich als spätpubertärer Schüler schlichtweg nicht verfügt hatte. Schülern und Lehrern bei der Überwindung solcher Verständnishürden zu helfen, ist jedoch das erklärte Ziel der BasisBibliothek – und dazu wollte ich nun gerne mein Scherflein beitragen. (Abgesehen davon macht sich eine Suhrkamp-Veröffentlichung – Post-Unseld-Krise hin oder her – wirklich gut im Lebenslauf!) Dabei stellte für mich neben der Einarbeitung in den mir bis dahin weitgehend unbekannten historischen Kontext (Reformation und Gegenreformation in Europa, Hugenottenkriege, Bartholomäusnacht sowie Leben und Werk C. F. Meyers) das Schreiben für ein nicht- oder nicht-nur-akademisches Publikum die größte Herausforderung dar. Nach einem Jahr (nicht-kontinuierlicher Arbeit, versteht sich) hatten wir schließlich 40 Seiten Kommentar, 25 Seiten Wort- und Sacherläuterungen und 12 Seiten Materialien beisammen, die vom Verlag ohne größere Beanstandungen abgenommen wurden. Trotzdem verging noch über ein halbes Jahr, bis der Band im Februar dieses Jahres endlich erschien. Von dem Honorar konnte ich zwei Monate lang leben; ungleich wertvoller aber waren die Erfahrungen, die ich bei der Arbeit an diesem Buch und nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit meinem Ko-Autor sammeln durfte. (Danke, Doc!)

Und diese Kooperation setzte sich beinahe nahtlos fort:

  1. Der Oldenbourg Verlag, weithin bekannt durch seine ReiheOldenbourg Interpretationen, plante eine Reihe kommentierter Klassiker des Deutschunterrichts (Oldenbourg Textausgaben genannt), und einer der Auftaktbände sollten ausgewählte Erzählungen Franz Kafkas sein. Den Fisch an Land gezogen hatte wiederum Florian, gelutscht haben wir ihn schließlich beide. Auch wenn die Arbeit an diesem Band längst nicht so umfangreich war wie die am Amulett (hier ging es letztlich »nur« um Wort- und Sacherklärungen und die Auswahl von Materialien, während andere Autoren sich um Interpretationen und Unterrichtsentwürfe kümmerten) und auch wesentlich schneller vonstatten gehen musste – denn das Buch sollte bereits Anfang November erscheinen –, gewinnbringend war sie allemal. Vor allem kam ich endlich einmal dazu, neben einigen mir bis dahin noch unbekannten Kafka-Texten (müsste ich mich schämen, sie hier zu nennen?) auch die Tagebücher zu lesen – und die entpuppten sich als eine echte Offenbarung: »Ein ganzes Leben als ewige Verfertigung der Gedanken«, wie meine Kollegin Anna-Lena vor ein paar Tagen so treffend geschrieben hat. Oder anders ausgedrückt:
Die Welt wird anders sein, wenn man sie mit den Augen von Franz Kafka gesehen hat.

(Der Film zum Buch. Selbst gephotoshoppt.)

  1. Ebenfalls eine Art Offenbarung war für mich auch die Arbeit an dem dritten, sicherlich schönsten und vielleicht auch nützlichsten Buch, das ich in diesem Jahr mitherausgegeben habe: Der Jugend-Brockhaus Allgemeinbildung. Das Thema ist ja seit den diversen Pisa-Studien in aller Munde, und mittlerweile glänzt fast jeder größere Sachbuchverlag mit irgendeinem oder gleich mehreren Kompendien, die vorgeben, alles zu enthalten, »was man unbedingt wissen muss«. Freilich würde ich nicht so weit gehen, zu behaupten, dass Bernd Flessner und mir das beste oder einzig wahre davon gelungen sei, aber eines kann ich mit Gewissheit sagen: Es ist eines der für die Zielgruppe, nämlich Jugendliche ab 12 Jahren, am besten geeigneten und am ansprechendsten gestalteten Werke dieser Kategorie – und es macht sich, nebenbei gesagt, auch ziemlich gut als Weihnachtsgeschenk. ;-)Für Jugendliche zu schreiben bzw. bestehende Texte entsprechend zu bearbeiten, war für mich etwas völlig Neues, und ich bin »meiner« Brockhaus-Redakteurin Christine Schlitt sehr dankbar dafür, dass sie mir diese spannende Erfahrung ermöglicht und dabei die Nerven bewahrt hat.

 

Das also war mein sehr persönliches Bücherjahr 2008. Und keine Sorge: Für 2009 hat sich bislang noch keine Eigenveröffentlichung angekündigt. So werde ich vielleicht endlich mal dazu kommen, das Buch zu Ende zu lesen, das ich mir schon im letzten AdventsKAlender aufs Nachttischchen gewünscht, aber erst vor ein paar Tagen wieder zur Hand genommen habe: Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat von Pierre Bayard (Verlag Antje Kunstmann). Immerhin bin ich schon auf Seite 66, und mein notorisch schlechtes Gewissen in Bezug auf die vielen, vielen Bücher, die noch unangetastet in meinen Regalen ruhen, ist bereits spürbar geschrumpft. Wenn das kein gutes Zeichen ist!

P.S.: Für diejenigen unter euch, denen das alles zu viel Werbung oder auch schlicht zu viel Text war, hier zur Versöhnung/Verdauung mein deutschsprachiger Lieblingssong des Jahres: »Uh-ganda« von der unvergleichlichen Kapelle Petra.

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