das rote buch (I)

Tagebucheintrag vom 19. Mai 2002, Seite 1 und 2 (Faksimile)

 

Hamburg, Zimmer in der Eppendorfer Landstr. 112, 19.05.02:

Nun also Hamburg, wo ich bisher noch nicht war, sieht man einmal von der Durchreise auf dem Weg nach Sylt ab, und auch jetzt nur für 2 Tage. Dabei war mir diese Stadt noch vor der gestrigen Ankunft am Abend, die sich aufgrund des enormen Verkehrs auf den Straßen (Innenstadt gesperrt wegen des „G-Day“) und unserer geringen Ortskenntnis schwierig genug gestaltete, bereits ein wenig verleidet. Hamburg, das ist für mich der Ort, wo zunächst J. und nun, wenn auch nur für kurze Zeit, V. hinzogen, wo B. und ihr Ex-Freund glückliche und weniger glückliche Tage verbracht haben, ja, ich kann sagen: J.s Flucht, V.s plötzlicher, fast abschiedsloser Aufbruch nach Norden, B.s Erinnerungen (positiv gegen die Stadt, negativ gegen ihre damalige Beziehung) gestalten mein Verhältnis zu diesem Ort schwierig, haben es geprägt, bevor ich mir (wie bei Berlin) ein eigenes Bild davon machen

konnte. Nun bin ich gespannt, auch angespannt im Hinblick auf den morgigen (heutigen eigentlich, denn es ist tiefe Nacht nun, 245 Uhr) Tag. Und was mich doch zuversichtlich stimmt: der Abend bei V., seine Wohnung im Riemenschneiderstieg besichtigt zu haben (ein kleines Reihenhaus, das große Ähnlichkeit mit dem von Brecht in Buckow bewohnten aufweist, aber vielleicht auch nur für mich), das Zusammensein mit lieben Menschen (C., M. und A., mit denen ich diese Reise angetreten habe, J., die morgen zu uns stoßen wird), und nun der Ausblick aus dem Fenster auf einen zwar kargen, doch rege bewohnten Hinterhof und vom 4. Stock aus über die Dächer dieses Stadtteils hinweg. „Es ist Zeit / wirklich Zeit.“ C.s „Blumen“-Zeilen hämmern in meinem Kopf und hallen wider in den Gewölben meines maßlos verwirrten innerlichen Befindens. Seltsamerweise kein Drang, aus dem Fenster zu springen, wie damals auf dem Aussichtsturm über den Schlachtfeldern vor Verdun. Längst bin ich nicht versöhnt mit mir, die Unruhe im Gegenteil wächst

 

Tagebucheintrag vom 19. Mai 2002, Seite 3 und 4 (Faksimile)

wieder, ist noch nicht Angst, nur Verwirrung und widerwärtiges Gedankenspiel, das sich seine körperlichen Symptome zusammensucht und dort ansiedelt, wo sie mich am stärksten verunsichern. Ein großes Ungewisses ist in mir. Ich sollte schreiben, sollte entspannen, vielleicht eine weitere Therapie anstreben – doch in Wahrheit flüchte ich in mir ständig vor mir, getrieben, gehetzt von der Unruhe, die nichts anderes ist als die gesteigerte Erwartung auf Erfüllung meines Lebens. Wenn ich all meine Freunde hier vor mir sehe, möchte ich mich in jedem Einzelnen von ihnen verkriechen, ihn umarmen, küssen, öffnen, hineinschlüpfen, mich in ihm auflösen, nur um mir selbst zu entkommen. Es ist noch immer nicht wirklich gut, zu sein – aber hier zu sein, ist gut, trotz oder gerade wegen der Aufregung, die auf äußere Dinge verweist, auf die ich mich einlassen sollte. Und doch meine ich, überall den Verfall ausfindig machen zu können, den ich in mir austrage. Bin ich mir selbst nicht gewachsen?

Will ich es überhaupt sein? Ich merke nur: je mehr ich zu flüchten versuche, desto schneller hole ich mich ein, versetze mich in Unruhe, übe mich im Versagen und erachte es gleichsam als innere Notwendigkeit. (Auch wenn ich weiß: Ich kann nicht verrückt werden, ist es doch dieser Gedanke, der mich am meisten ängstigt.) Ich sollte schreiben, doch fühle ich viel zu stark, dass ich nicht wirklich etwas zu sagen habe. Und auch diese Worte wollen nicht leicht geschrieben sein. Zugleich weiß ich: Auch wenn ich ziellos bin, so doch nicht hoffnungslos. Mir geht es gut, solange ich zu tun habe, mir Aufgaben stelle und erledige, unter Spannung stehe, die sich löst, sobald ich ein Teil meines Solls erfüllt habe, solange ich überzeugt davon bin, nützlich zu sein.
Nun häufen sich um mich die Probleme der Anderen: […] – und schon wieder kündigt sich Wechsel an: Leute, die fortgehen

 

Tagebucheintrag vom 19. Mai 2002, Seite 5 (Faksimile)

 

werden in nicht allzu langer Zeit, die Lücken hinterlassen werden, zweifellos, und meine eher hilflose, wenn auch versucht bemühte Haltung dem allen gegenüber. Nehme ich es ihnen übel, dass sie sich aus meinem Lebensumfeld entfernen? Sie meinen ja nicht mich persönlich, sondern ihr eigenes Weiterkommen. Und wohin will ich? Was will ich aus mir machen, wie mich gestalten? Immer dieselben Fragen, ich weiß …
Nun Hamburg, eine kleine Zwischenstation. Laute Musik im Hinterhof, wohltuend gegen die allzu satte Stille. M. wird sie nicht ertragen können, sich Ohrstöpsel verpassen, C. vielleicht wie ich wachliegen und gen Fenster lauschen und im Halbschlaf lächeln.* A. und V., die sich leise streiten werden oder wortlos, gleichfalls schlaflos nebeneinander liegen und die Stille (eine andere freilich) genauso wenig vertragen. Etwas muss und etwas wird passieren. Und ich morgen auf den Spuren der „Absoluten Giganten“.

M. D.
19.05.02 (315 h)

* Wie sehr ich mir wünschte, er würde herüberkommen, mit mir gemeinsam hier zu sitzen und zu lauschen!

 

Das »Rote Buch« war ein zwischen dem 14. Januar 1997 und dem 20. September 2003 unregelmäßig geführtes Tage- und Notizbuch, dessen Einträge ich hier künftig als Teil der »begehbaren welt« in willkürlicher Reihenfolge wiedergeben werde. Weitere Erläuterungen folgen mit der Zeit.

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