In dem kühlen Grund

 

Du armer Hund!
Sitzt sturzbetrunken im Café und simulierst
Die Träume, die dein Leben nicht erfüllen wollte.
Scher dich nicht drum!
Denn irgendwer gibt schon die nächste Runde aus
In dem kühlen Grund
Im kühlen Wiesengrund
Dein stilles, tiefes Tal
grüß tausendmal

Und heul nicht rum!
Die nächste Flasche geht ja schon von Hand zu Hand
Kein Gast wurd je im Café Wundermild vergessen
Auf ex – und hopp!
Hier ist ein Wartesaal
In dem kühlen Grund
Im kühlen Wiesengrund
Dein stilles, tiefes Tal
grüß tausendmal

Jetzt schau dich um!
Da draußen haben Kinder in den Weiden
So blaue Bänder, Galgenstricklein, aufgehängt
Welch ein Idyll!
Die Katze döst am Dornstrauch unter Beeren
In dem kühlen Grund
Im kühlen Wiesengrund
Dein stilles Heimattal
grüß tausendmal

Sei nicht so dumm!
Ein Mühlrad geht im Kopf herum, doch immerhin
Die Liebste ist dir treu. Mach kein Geschrei
Geh lieber heim! Geh nie mehr in die Stadt!
Begrab dort deine Träume
In dem kühlen Grund
Dem kühlen Wiesengrund
Im allzu stillen Tal, so wie
schon tausendmal

Die Angst geht um! – Spürst dus?
Jetzt wirf die Flasche weg, nimm dein Gewehr
Ne Packung blaue Bohnen noch dazu
Und baller rum!
Zerklump das scheiß Klavier, wer braucht das hier!
In dem kühlen Grund
Dem kühlen Wiesengrund
Grüß zum letzten Mal
dein Jammertal

Und stumm! Häng hier nicht länger rum!
Die Träume hast du mit nem saubren letzten Schuss
durchs Dach erledigt. Brav.
Sprich dein Gebet, das Seil gut eingeseift / vergiss
das Fährgeld nicht! (unter der Zunge zu plazieren)
Dein letzter Gang
Durch den kühlen Grund
In den kühlen Grund
Verlass den Wartesaal
Dein tiefes Tal

 

Das Gedicht entstand zwischen dem 24. und 26. Januar 2004, inspiriert durch Texte der oben genannten und verlinkten Herren. Es ist Teil einer Reihe von freien Liedübertragungen, die Crauss und ich ein paar Jahre lang fast wettstreitartig angefertigt und unter dem gemeinsamen Titel »Gesprochene Lieder« zusammengetragen, teilweise auch bei Lesungen präsentiert haben.

Statt einer weiteren Erläuterung zum obigen Text hier ein Auszug aus einer Mail vom 22. November 2007:

Lieber P.,

[…] Über Eichendorff schrieb ich vor Kurzem noch an einen Freund ein paar sehr herbstlastige Zeilen:

»Du kennst doch dieses wunderbare Gedicht ›In einem kühlen Grunde‹ vom Taugenichts Eichendorff? Das ist mein Inbegriff der Melancholie. Rilke trägt da viel zu dick auf, überreizt die Tränendrüse gehörig. Aber Eichendorff hat uns, glaube ich, was zu sagen. Auch wenn es das ganze Inventar, seine Mühlen, Spielmänner, Reiter und blut’gen Schlachten so nicht mehr gibt – das Gefühl, das er beschreibt, diese Trauer über erlebte Enttäuschungen, dieses Seiner-selbst-überdrüssig-Sein, vor den eigenen Träumen zu verzagen und lieber sterben zu wollen, als die Ungewissheit des eigenen Willens und der eigenen Freiheit weiter ertragen zu müssen. In diesem kleinen Liedchen liegen, wenn man’s genau betrachtet (aber seit ›Matrix‹ wissen wir ja, was mit den Dingen geschieht, wenn man sie genauer betrachtet – ›there is no spoon!‹), eineinhalb Jahrhunderte Geschichte begründet und begraben. Und kein Männergesangsverein schafft es, uns das zu zersingen.«

Das ist schon so. Immer wenn ich Rilke lese, schäme ich mich fast dafür, dass mich seine melancholischen Gedichte so tief berühren – weil sie mir geradezu darauf angelegt scheinen, feinen Fräuleins beim Nachmittagstee ein Seufzen zu entlocken, so stelle ich mir das jedenfalls vor. Diese heroische Einsamkeit, die aus vielen seiner Texte spricht, klebt.

Ganz anders bei Eichendorff, der es immer wieder schafft, mich zu überraschen. »In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad« – Idyll – »mein‘ Liebste ist verschwunden, die dort gewohnet hat« – Melancholie – »… Sie hat die Treu gebrochen, mein Ringlein sprang entzwei« – Trauer, und direkt daran anknüpfend die Frage: Was fängt man nun an mit seiner ungewollten neuen Freiheit? »als Spielmann reisen weit in die Welt hinaus«? »als Reiter fliegen wohl in die blut’ge Schlacht«? Jedenfalls: bloß schnell weg hier! Aber so einfach ist das nicht: »Hör‘ ich das Mühlrad gehen, ich weiß nicht, was ich will« – Zweifel, und dann: »ich möcht‘ am liebsten sterben, da wär’s auf einmal still« – Das Idyll vom Anfang wird am Ende zum Anlass schierer Verzweiflung – André Heller fällt mir ein: »Misstraue der Idylle, sie ist ein Mörderstück. Schlägst du dich auf ihre Seite, schlägt sie dich zurück.« –, das Angenehme, Beruhigende birgt schon die Katastrophe, es wandelt sich ins genaue Gegenteil. Aber genauso ist das ja mit Gefühlen: Da mag der eigene Wille noch so frei sein, sie lassen sich von ihm nicht dirigieren. Da hilft auch alles heroische Denken und Sich-selbst-neu-Entwerfen nichts, der »kühle Grund« gerät zum Grab, die Idylle wird zum (Selbst-)Mörderstück (wie war das: »Gedichte reagieren auf Gedichte zurück«?).

›Original‹ gefällig?

[Tom Waits: Cold, Cold Ground (live 1987) :: direktwaitsen]

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