Die Spieluhr Heine

SpieluhrDieses neckische Ding ist eine Spieluhr – oder wie der Fachmann sagen würde: ein Handkurbel-Spielwerk –, das ich im Sommer 1994 in Rüdesheim erworben habe, einem dieser Rhein-Wein-Örtchen, die gemeinhin als romantisch gelten, weshalb dort zu jeder Jahreszeit hordenweise Touristen aus aller Welt einfallen, um die Straßen zu verstopfen, die Cafés zu fluten und Kitsch aus chinesischen Souvenirfabriken zu erwerben. Doch grollen möchte ich ihnen nicht, den Spurensuchern der Rheinromantik, war ich doch damals[TM]selbst einer, mit meiner ersten Freundin auf der ersten längeren Tour mit meinem ersten eigenen Auto. O Wunder der Jugend! O Wellen des Rheins! O Brummen des Motors! (ein Toyota Starlet, Baujahr 82, und eigentlich dröhnte er mehr als dass er brummte – o verklärende Erinnerung!) – »und du / neuer Gedanke!«

Von der »Lust des Beginnens«, die Herr Brecht so trefflich besungen hat, war in Rüdesheim nichts zu spüren. Dominant erschien mir dort eher die längst zur Routine gewordene Lust an der Wiederholung des Immergleichen – aber gut, was ist Romantik letztlich schon anderes? Heine an jeder Straßenecke, hier und da ein japanisches Juxgrüppchen, das, vom Weingeist befreit, »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten« bis zur Unkenntlichkeit zersang (sie hatten’s faustig hinter den Ohren, jaja). Heine und »die Lore-Ley« – zuweilen befürchte ich, dass am Ende doch noch die berühmt-berüchtigte deutsche Weinseligkeit Dichter und Werk verschlingen wird: »und das hat mit seinem Singen / der Männerchor getan«. Darüber kann man geteilter Ansicht sein (Kulturpessimisten sind Schisser, das weiß ich von mir selbst nur zu gut). Enno Stahl vom Düsseldorfer Heine-Institut etwa mutmaßte jüngst im Deutschlandfunk-»Büchermarkt«:

Heine hätte das sicher nicht gestört, sagte er doch von sich: »Ich bin kein Gelehrter, ich selber bin Volk.« Gerade diese Volkstümlichkeit, die seinen Gedichten, seiner Prosa eigen ist, hat ihn zu Deutschlands zweitgrößtem, für manche gar größtem Dichter gemacht, je nach politischer Couleur des Betrachters. Volkstümlich, das bedeutet bei Heine zeitlos und zugänglich. Nicht zuletzt deswegen wird er heute noch viel gelesen.« (Zum Nachhören hier; Zitat nach Transkript)

Folklorisierung, damit hat Stahl (wenn ich ihn mal so interpretieren darf) zweifellos Recht, ist noch immer die beliebteste Wund- und Heilsalbe (Achtung! Adorno von links!). Auch das mag Heiner Müller – ohne Heine genauso wenig denkbar wie Brecht, Biermann und überhaupt der größte Teil nicht nur der Satiriker, Lyriker und Liedermacher des deutschen 20. und 21. Jahrhunderts – vor Augen gehabt haben, als er in seiner großen Büchnerpreisrede von 1985 konstatierte: »DIE WUNDE HEINE beginnt zu vernarben, schief« – wohlgemerkt: vernarben, nicht verheilen. Heine, die schiefe Narbe, der Schmiss im Antlitz der Deutschen, der Moby Dick unter den Walen, Haien und kleinen Fischen der Literaturgeschichte, der nicht nur zu Lebzeiten kontrovers diskutierte, verfemte und zugleich legendäre (und nur legendäre) Dichter unbekannt und Sinnbild des armen Poeten (der er de facto nicht gewesen ist) – ja, wenn man’s recht betrachtet (und darauf wollen die Germanisten Stahl und Schneider ja auch hinaus): Heine, der sperrigste Dichter und scharfzüngigste, ätzendste Kritiker seiner Zeit, ist längst popularisiert, populär ohnehin, ist, kurz gesagt, Pop. Versöhnt mit allen, ist er einer jener Brüder, von denen Thomas Mann sagte: »Der Bursche ist eine Katastrophe; das ist kein Grund, ihn als Charakter und Schicksal nicht interessant zu finden«, und: »Ein etwas unangenehmer und beschämender Bruder; er geht einem auf die Nerven, es ist eine reichlich peinliche Verwandtschaft«, was ihn jedoch zu dem Schluss verleitete: »Ich will trotzdem die Augen nicht davor schließen, denn […] besser, aufrichtiger, heiterer und produktiver als der Haß ist das Sich-wieder-Erkennen, die Bereitschaft zur Selbstvereinigung mit dem Hassenswerten […].« Der, den er mit diesen beißend ironischen Zeilen, geschrieben am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, meinte, war Hitler – noch so eine nicht verheilende Wunde, noch so ein Schmiss, den man mit allen nur möglichen kosmetischen Mitteln zu verdecken, wenn nicht gar den ganzen wahrlich katastrophalen Burschen zu folklorisieren sucht.

»Mein lieber Scholli, Herr Diel! Hitler und Heine in einem Atemzug nennen, geht denn das?«, höre ich da jemanden fragen. Klar geht das, sag ich, wenn auch etwas zu weit: Denn nicht die beiden miteinander zu vergleichen, ist mein Ziel (das wäre ja auch völliger Humbug), sondern dem sozialpsychologischen Mechanismus nachzuspüren, der scheinbar zuverlässig immer dann greift, wenn ein missliebiges Subjekt eine derartige Präsenz zeitigt, dass man es schlichtweg weder ignorieren noch leugnen kann: Folklorisierung, Popularisierung – nennt es, wie ihr wollt, jedenfalls Einverleibung im Sinne eben jener »Selbstvereinigung mit dem Hassenswerten«, die Herr Mann meint und die im späteren Umgang mit Hitler wahlweise zu Dämonisierung, Verharmlosung oder Verspottung und im Umgang mit Heine zur Verniedlichung geführt hat. Auf menschlicher Ebene derselbe Mechanismus, der uns dazu verleitet, uns einen Entwurf von jemandem zu machen und dann – aus Hass oder Liebe – zu sorgen, dass er ihm ähnlich werde: »›Wer? Der Entwurf?‹ ›Nein‹, sagte Herr K., ›der Mensch.‹« (Brecht, aus derselben Sammlung wie dies hier) Der Mechanismus der Kompensation auf das als politische Floskel so beliebte »sozialverträgliche Maß«, das uns (»lieb Vaterland, magst ruhig sein«) friedlich schlafen lässt (no Marx intended!) – ein soziokulturelles Phänomen. Auf Heine bezogen – und bevor ich hier gänzlich abschweife – heißt das: »Die Loreley« ist harmlos genug (nicht wirklich harmlos, wenn man sich das Gedicht mal genauer anschaut, aber eben harmlos genug), um der Folklorisierung des Dichters ein Portal zu bieten, sie ist konsumentenfreundlich, singbar zudem, männergesangvereinskompatibel und damit per se das »verträgliche Maß«, auf das sich der liebe Heine verniedlichen lässt. »Deutschland. Ein Wintermärchen« ist es nicht (böser Heine!), obwohl Biermann wirklich (wenn auch, wie stets, in anderer, eigener Absicht) sein Bestes versucht hat.

Und doch hilft uns die Silcher-Melodei von der fischerverschlingenden blonden Sirene auf dem schroffen Felsen, auch den Satiriker und nimmermüden Deutschlandkritiker Heine mit einem gelassenen Lächeln zu kompensieren, ihm ein Plätzchen im Kanon, in der Gruft der deutschen Dichter und Denker zuzuweisen. Alle paar Jahre schaut man mal nach, wie weit der Verwesungsprozess fortgeschritten ist, huldigt den Gebeinen, konstatiert zum x-ten Mal, dass »die Deutschen mit xyz Frieden geschlossen haben«, und dankt artig fürs Da- oder Vorbild-gewesen-Sein. Natürlich geht es bei der ganzen Chose letztlich nur um Selbstbestätigung, jenes »Sich-wieder-Erkennen«, von dem Thomas Mann spricht – was ich im übrigen weder übermäßig kritisieren, noch mich selbst davon ausnehmen möchte.

»Und wie halten Sie’s mit dem Gedenken, Herr Diel?« Nunja, ich mag diesen Festtagsrummel nicht, dieses Gewese um irgendwelche Geburts- oder Todestage, auch wenn ich einsehe, dass sie eine nicht unwichtige Funktion erfüllen. Aber ganz ohne Souvenirs geht es auch für mich nicht – und ging es schon damals in Rüdesheim nicht. Davon zeugt die oben abgebildete Spieluhr, die ja hier nicht nur als Sinnbild der Folklorisierung und Wiederholung des Immergleichen steht, sondern sehrwohl etwas mit dem Thema (was war es doch gleich? achja: Heine!) zu tun hat. Wer draufklickt, weiß mehr! 😉

Diese Spieluhr steht auf meinem Schreibtisch, und oft, wenn ich in einer Arbeit feststecke, das Gefühl habe, nicht von der Stelle zu kommen, oder zu viele Dinge auf einmal erledigen muss, drehe ich ein paarmal die Kurbel, mal schneller, mal langsamer, und lausche den Klängen: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«. Ich gestehe: Diese Wiederholung der immergleichen Melodie hat eine ungeheuer beruhigende Wirkung!

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